Home   Kontakt   Impressum  
Högersdorf, der 29.05.2017 um 19:06 Uhr
Tango in seiner ursprünglichen Form

Jeden Montag wird in Högersdorf getanzt

Segeberger Zeitung, 24.4.17

Högersdorf. „Links, rechts, Wiegeschritt, seitwärts – ran!“ Diese Worte lassen manch einen, der in früheren Jahren die Tanzschule besuchte, noch heute erschauern. Tango – das hieß: Zack-Zack und immer die Angst, einen falschen Schritt zu machen.

Ganz anders sieht es beim Tangokursus aus, der am jedem Montagabend in der DieLe Högersdorf stattfindet. Fast ungezwungen schlendern die Paare durch den Saal. „Wir tanzen Tango Argentino“, erklärt Kursleiterin Margarita Albers. „Das ist die ursprüngliche Form des Tango.“

Nicht die preußische Exaktheit des Standard-Tango ist hier gefragt, sondern eine Eleganz, die auf Aufmerksamkeit und dem vertrauten Miteinander der Paare beruht.

„Immer Kontakt halten, immer einander zuwenden“, erinnert Andrea Schütte, die den Kurs zusammen mit Margarita Albers leitet. Maik Moeller schiebt zur gefühlvolle Musik aus der Anlage seinen rechten Fuß außen am rechten Fuß seine Frau Juliane vorbei, die sofort mit einem passenden Schritt reagiert. Mit kleinen Zeichen einander zeigen, wo es lang gehen soll, das ist das Wesen des Tango Argentino.

„Die Rollenverteilung muss am Anfang klar sein. Dass der Mann führt, fällt manchen Frauen erst einmal schwer, aber es muss so sein“, sagt Andrea Schütte. Da die Paare sich durch den ganzen Saal bewegen, muss jeder aufpassen, dass er nicht ein anderes Paar anrempelt. Den Aufpasser-Job hat der Mann. Die Kür bleibt der Frau. Er gibt mit Armen, Schultern, Brust oder Schritten kleine Signale. Sie muss sie aufmerksam lesen und verwandelt den Richtungswechsel durch ihre Bewegungen in Schönheit und Eleganz. Gibt der Mann ihr dazu nicht Gelegenheit, blamiert er sich selbst und zeigt, dass er noch nicht begriffen hat, dass erfolgreiche Führung nichts als Dienst ist.

Mutige Paare können auch die Rollen tauschen. Dann übernimmt die Frau die Männerschritte. „Aber viele Frauen in Führungspositionen genießen es, beim Tango Argentino einmal die Verantwortung abzugeben“, berichtet Kursteilnehmer Carsten Schleicher.

„Paare, die zusammen leben, haben es leichter als reine Tanzpaare“, glaubt seine Tangopartnerin Bärbel Würz. „Die verstehen sich noch besser.“ Denn Tango ist vor allem eins: intensive Kommunikation ohne Worte.

Während beim Standard-Tango die Bandbreite der Figuren klein sei, sei beim Tango Argentino eine große Vielfalt angesagt, berichtet Tom Albers. „Tango Argentino kam in den 1920-er Jahren nach Europa, er war sehr freizügig. Erst in der Nazi-Zeit wurde er zackig mit Links-rechts-Wiegeschritt wie beim Kriminaltango.“ Seit dem 1980-er Jahren bekomme der Tango Argentino in Deutschland wieder Raum, vor allem in den Großstädten. „Kein Tanz ist wie der andere. Immer wieder wird improvisiert. Und auch zu Pop, Rock und elektronischer Musik kann man Tango tanzen.“ Höhepunkte sind Tanzabende mit Live-Band, die einmal pro Jahr auch in Högersdorf organisiert werden.

Hin und wieder geben Margarita Albers und Andrea Schütte den Tanzenden Tipps. 15 Jahre Erfahrung mit Tango-Argentino-Kursen lassen sie schnell erkennen, warum etwas irgendwo hakt.

„Immer einander zuwenden“, erinnert Andrea Schütte. „Wenn der Mann sich in die eine Richtung dreht und die Frau sich in die andere, sieht das aus wie ein Cowboy-Tanz“. Das sitzt.

Schnell werden sich Kopf und Oberkörper der Partner wieder zu, verbinden sich wie mit einer unsichtbaren Schnur. Die Füße gleiten dahin – und schon ist sie auch bei den Anfängern wieder da: die elegante Anmutung und das Verstehen ohne Worte, das erklärt, warum die Paare sich an treffen.


Autor: S.Bölke, 24.4.17