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Segebergs Christen gedenken des vor 850 Jahren gestorbenen Vicelin

Lübecker Nachrichten | 12. Dezember 2004
Ohne ihn wäre Segeberg nicht gegründet worden, Marienkirche und andere Gotteshäuser verdanken ihm ihre Entstehung: Vicelin. Heute vor 850 Jahren ist er gestorben. Die Nordelbische Kirche und die Erzdiözese Hamburg gedenken ihrem Apostel. Er war Missionar und erster Bischof in Ostholstein und Lübeck.
Er wurde als Heiliger verehrt, denn er hatte der Verbreitung des Christentums nordöstlich der Elbe sein Leben gewidmet. Segebergs Propst Dr. Klaus Kasch hob hervor, dass Vicelin das Evangelium auch als Kulturleistung betrachtete, "das den Menschen im Leben hilft". Er setzte auf die Kraft des Wortes. Das Tragische an der Figur des Apostels der Holsten und Wagrier war aber, dass er selbst nie die Früchte seiner unermüdlichen Missionierung und Predigten erleben konnte. Die Lage in seinem Sprengel, den er von seiner Kirche und seinem Kloster in Neumünster aus verwaltete, blieb zu seinen Lebzeiten "trostlos". Insbesondere in Oldenburg, eigentlich Bischofssitz "fiel die christliche Botschaft kaum auf fruchtbaren Boden", schreibt Wolf Werner Rausch vom Nordelbischen Kirchenamt in einer Broschüre über Vicelin, die jetzt erschienen ist.

Es muss eine chaotische Zeit der politischen und religiösen Umwälzungen in Ostholstein gewesen sein, als nach 200 Jahren erfolglosen Versuchen von Kaisern und Herzögen die slawischen Wagrier zu kolonialisieren und zum Christentum zu bekehren, ein neuer Missionar zu den Heiden kam. Der vom Missionsgedanke regelrecht beseelte Priester Vicelin wurde vom Bremer Erzbischof 1126 an "die Front" geschickt. Nachdem sich schnell herausgestellt hatte, dass die Gründung einer Kirche und einer Kloster-Gemeinschaft im heutigen Neumünster für die Missionsarbeit nicht ausreichte, kam der Segeberger Kalkberg - damals noch ungleich größer und imposanter als heute - in das Blickfeld Vicelins. Hier sollte eine Burg entstehen. Ein ehrgeiziger Plan.

Dass Vicelin nun wahrlich kein "Weichei" war (so drückt man es heute flapsig aus) steht auch in der zwischen 1167 und 1172 verfassten Slawenchronik des Pfarrers Helmold von Bosau. Der war ein glühender Verehrer von Vicelin. Der spätere Bischof hatte in jüngeren Jahren eine Schule in Bremen geleitet. Dabei sei nichts an Vicelins Benehmen "unvollkommen" gewesen, "außer dass er beim Züchtigen der Zöglinge mit Schlägen nicht Maß hielt", berichtete Helmold. Daher liefen ihm auch zahlreiche Schüler davon, "und er ward als grausam verschrien". Wer aber "seine Zuchtrute aushielt", der wuchs an Wissen, Klugheit, Würde und Anstand.

Kurzum: Vicelin war wohl für die hiesigen Slawen der richtige Mann am richtigen Ort. "Roh, barbarisch" und als "sture Waldesel" bezeichnet Helmold die zukünftigen Schäflein des neuen Priesters.

Anders als andere religiöse Eiferer missionierte Vicelin nicht mit der "eiserne Zunge", also dem Schwert, sondern mit der Gabe seiner Rede. 1134 gewann er nun den Segen von Kaiser Lothar für seine Missionsstrategie. Er regte bei Kaiser Lothar auf dem Kalkberg die Errichtung einer Burg an, unter dessen Schutz er 1135 eine Kirche und ein Klosterstift errichten konnte.

Sogar die Slawenfürsten halfen mehr oder minder freiwillig beim Bau der Siegesburg mit, obwohl sie befürchteten, dass der "kleine Kahlkopf", wie sie Vicelin nannten, ihre Macht in Plön, Oldenburg und Ratzeburg brechen würde.

Der Burgbau war die Geburtsstunde des heutigen Bad Segebergs. Vicelin brachte von hier aus die frohe Botschaft des Evangeliums unter die Leute. Die junge Kirche geriet dabei immer wieder zwischen die Fronten. Nach dem Tod von Kaiser Lothar nutzten die heidnischen Wagrier die unsichere politische Lage für einen Angriff auf Segeberg. Hier ging alles in Flammen auf.

Vicelin verlegte den Segeberger Kloster um 1140 in das heutige Högersdorf (slawisch "cuzalina"). Ausgerechnet ein Kreuzzug gegen die Wenden führte 1147 zu schweren Rückschlägen der Mission Vicelins. Die Kreuzritter zerstritten sich, die Wenden wurden sogar gestärkt. Ein Jahr später entschied der Hamburger Erzbischof Ha????h???d???d?d??rtwig, Vicelin zum Bischof für das Bistum Oldenburg zu weihen. Da das passierte, ohne den Landesherrn Heinrich den Löwen zu fragen, gab es mit dem schmollenden Heinrich mächtig Ärger. Beim Aufbau seines Bistums bekam Vicelin von weltlicher Seite deshalb keine Hilfe.

Es war die Strategie Vicelins, Feldsteinkirchen zu bauen, die mit ihren runden Türmen eher wie kleine Burgen aussahen. Bei Bosau am Plöner See setzte Vicelin so den Grundstein für die St.-Petri-Kirche. Damit hatte er einen Hauptstützpunkt für die Missionierung in Wagrien errichtet. Damit nicht genug: Neben der Marienkirche in Segeberg, einer Kirche in Lübeck, verdanken Gotteshäuser in Bornhöved und Oldesloe ihre Gründung seiner Initiative. Zahlreiche Feldstein-Gotteshäuser, meist mit dem charakteristischen Rundturm, wurden erst nach seinem Tod errichtet. Dazu gehören auch die Kirchen von Sarau, Pronstorf und Warder.

Lange konnte Vicelin das Bischofsamt nicht ausüben: Im Frühsommer 1152 erlitt er einen schweren Schlaganfall. Helmold von Bosau fand dafür folgende Worte: Er "ward von Gott geschlagen und so gelähmt, dass ihm eine Hand und ein Fuß, kurz die ganze rechte Seite erstarrte; was aber schlimmer war: er verlor die Sprache". Der große Prediger war verstummt. Nach langem Krankenlager starb Vicelin am 12. Dezember 1154 im Kloster Neumünster. Seine Grabstätte ist nicht bekannt.

Von Wolfgang Glombik, LN
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