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Feuer im Flüchtlingsheim: Ex-Mitbewohner belasten Angeklagten

Nach Zeugenaussagen behinderte der 22-Jährige in Högersdorf die Löschversuche –
2017 wohnte er in Wittenborn, wo es ebenfalls brannte
Segeberger Zeitung, Mittwoch, 11. November 2020
Von Thomas Geyer

Kiel/Högersdorf. Ehemalige Mitbewohner des am 24. April durch ein Feuer zerstörten Flüchtlingsheims in Högersdorf (Kreis Segeberg) haben den Angeklagten gestern vor dem Kieler Landgericht schwer belastet. Demnach kündigte der 22-jährige Afghane kurz vor dem Brand an, er werde das Gebäude abfackeln, um eine andere Wohnung zugewiesen zu bekommen.

Ein 32-jähriger Landsmann des Angeklagten berichtete gestern bei der Fortsetzung des Prozesses von Gesprächen zwischen den ausgebrannten Bewohnern des Obergeschosses, die in jener Nacht ihr gesamtes Hab und Gut verloren. Als sich die Zimmernachbarn gegen 3 Uhr morgens draußen vor dem brennenden Gebäude versammelten, habe man die Äußerungen des mutmaßlichen Brandstifters heiß diskutiert. Der Mitbewohner, der das Feuer zuerst entdeckt und seine Nachbarn durch Klopfen und Rufen geweckt hatte, will vom Angeklagten bei Löschversuchen behindert worden sein. „Nicht ausmachen! Das soll brennen!“, habe der 22-Jährige gerufen und ihn weggeschubst, als er mit einem Feuerlöscher gegen die Flammen im gemeinsamen Wohnzimmer der Männer-WG vorgehen wollte.

Ein 32-jähriger Zeuge berichtete gestern, er habe schon vor drei Jahren mit dem Angeklagten in einer Unterkunft in Wittenborn (Kreis Segeberg) zusammengelebt. Dort forderte am 17. September 2017 ein ebenfalls vorsätzlich gelegtes Feuer beinahe 16 Menschenleben. Nach Medienberichten traf die Feuerwehr gerade noch rechtzeitig ein, um die schlafenden Bewohner aus dem bereits stark verqualmten Gebäude zu retten. Ein an Ort und Stelle festgenommener Tatverdächtiger (26) kam damals nach zwei Wochen wieder aus der U-Haft. Der Verdacht gegen den Bewohner, der zuvor die Heimleiterin genötigt haben soll, bestätigte sich allerdings nicht. Die Staatsanwaltschaft stellte die Ermittlungen schließlich ein.

Nun könnte es einen Grund für neue Ermittlungen geben: Gestern vor Gericht warf besagter Zeuge (32) dem Angeklagten vor, schon in Wittenborn von Brandstiftung gesprochen zu haben. Nach ihrer Rückkehr in die frisch sanierte Unterkunft habe der Angeklagte erklärt, man werde wohl nur umverteilt werden, wenn das Gebäude abbrennt. Als der Zeuge nach dem Feuer in Högersdorf gemeinsam mit dem Angeklagten wegen einer Rauchgasvergiftung im Krankenhaus lag, habe er ihm Vorhaltungen gemacht: „Du hast uns alle arm gemacht!“ Die Bewohner, die kaum mehr retten konnten als das nackte Leben, seien nicht versichert gewesen und hätten alles verloren, auch wichtige Dokumente.

Ein 39-jähriger Mitbewohner bestätigte gestern einen lautstarken Streit vor dem brennenden Gebäude. „Warum hast du das Haus abgefackelt?“, habe ein Mitbewohner den Angeklagten gefragt. Der Beschuldigte habe den Vorwurf zurückgewiesen und mit Beleidigungen reagiert.

Bis zu 130 Feuerwehrleute waren in jener Nacht beim Brand der zum Wohnhaus umgebauten Holzscheune eingesetzt. Eine Kripobeamtin schätzte den Schaden auf 500 000 Euro.
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